Der Kolonial Möbelstil und seine Merkmale
Was den Kolonial Möbelstil ausmacht und wie er sich entwickelt hat.

Was wir heute unter Kolonial Möbelstil (ca. 1770 – ca. 1850) verstehen, war ursprünglich eine Variante des Klassizismus. Der war vor allem in der Architektur durch bauliche Elemente der griechischen Antike inspiriert, aber auch Muster und Formen aus dem ehemaligen römischen Reich wurden hierfür in der Mode und dem Interior-Design herangezogen.


Ursprung und Entwicklung

Der Kolonial Möbelstil war besonders in den ehemaligen Kolonialgebieten Nord-Amerikas sehr präsent. In der Architektur unterscheidet man in Amerika den Kolonialstil noch weiter nach den ursprünglich herrschenden Kolonialmächten und Einwanderungsgruppen wie England, Holland, Belgien, Deutschland und Frankreich. Entsprechend wurden Bauweisen aus dem alten Europa übernommen.

Möbel aus dem Rokoko und Louis XV, waren häufig die Grundlage für den frühen Kolonial Möbelstil.

Dies ist sowohl im Städtebau, als auch im traditionellen Möbelbau zu erkennen. In den Südstaaten Amerikas war bis zur Unabhängigkeit Amerikas ein sehr europäisch geprägter Kolonialstil präferiert. Man legte Wert auf möglichst originäre Materialien, Muster, Farben der europäischen Heimatländer.

Wesentliche Merkmale des Möbelstils

Im Zuge der Unabhängigkeit Amerikas (1776) jedoch wurden mehr und mehr Materialien durch eigene heimische Ressourcen ersetzt. Zum Beispiel wurde anstelle von Marmorsäulen oft Holz oder ein anderer leicht bearbeitbarer Stein verwendet. Ähnlich im Möbelbau – statt der europäischen Holzarten griff man auf heimische Hölzer zurück, wie Robinie, Redwood, Akazie oder Douglasie.


Stühle aus der Vor-Kolonialzeit mit aufwendigen Schnitzereien.

Typische Möbelstücke waren, Schränke mit aufwendigen Schnitzereien, gedrechselte Holzelemente z. B. Tischbeine und Geländer. Oftmals waren diese aus den zuvor präsenten Möbelstilen, wie dem Rokoko oder Barock angelehnt – wurden nun aber verhalten schlichter produziert. Der Kolonialstil im ursprünglichen Sinne, nutzte den Trend zu opulenten Säulen, ausladenden Treppen und Eingangsbereichen, sowie filigranen Details an Möbelstücken. Eine Besonderheit war das im Laufe der Entwicklung des Stils, mehr und mehr Rohstoffe aus heimischen Wäldern und Herstellung verwendet wurde. Aber auch im Accessoire-Segment war es üblich exotische Pflanzen, Tiere, besonders wertvolle Artefakte aus den Kolonialgebieten in Szene zu setzen oder sie in Form von Bordüren oder Reliefs auf Alltagsgegenstände zu bringen.

Ein opulent gestalteter Schreibtisch aus der frühen Kolonial Möbelstil Zeit.

Ähnlich entwickelten sich auch all die anderen „Kolonialstile“, die im Internet gern als „Kolonial Möbelstil“ bezeichnet werden. Für uns allerdings und bestimmt auch für den ein oder anderen Leser, stiftet das oftmals Verwirrung. Daher haben wir uns entschlossen den Kolonialstil in seinen Ursprüngen vorzustellen.

Historische Hintergründe und Abgrenzung im Kolonial Möbelstil

Ursprünglich muss man unter einem Kolonialstil sicher verstehen, was seit Marco Polo oder spätestens mit Christoph Kolumbus bereits Einzug hielt (also bereits um ca. 1270 – 1492). Je mehr klar wurde, dass es noch unentdeckte Kontinente und Inseln gab, desto mehr entfachte der Wettstreit um diese Gebiete. Die Vermischung der Materialien, Rohstoffe und Interior-Traditionen der bewanderten und eroberten Gebiete in aller Welt mit den vorherrschenden Bau- und Möbelstilen der „Mutter-Länder“ des alten Europas war die Folge und so entwickelten sich später auch Kolonialstile unterschiedlichster Couleur.

Wir bezeichnen diese darauffolgenden Stil-Entwicklungen nach den Ländern, bzw. den Kontinenten. Ein südamerikanischer Kolonialstil unterschied sich selbstredend von einem indischen Kolonialstil. Typische Möbel im südamerikanischen Bereich waren spanisch, portugiesisch oder italienische Möbel mit Stoffen, Mustern und Farben des südamerikanischen Kontinents. Also beispielsweise mit, peruanischen Mustern, Papageien-, Affen- oder Palmenmotiven. Auch schwarze Keramik oder Sisalteppiche und Gegenstände waren hier zu finden.

Ein indischer Kolonial Möbelstil hingegen zeichnete sich daher eher durch Möbel im englischen Stil aus. Man kombinierte edle Stoffe, wie farbenfrohe Seide mit opulenten goldenen Verzierungen aus Indien dazu, ebenso wie Elefanten und Tigermotive. Die vorderasiatische und indische Baukunst war legendär – nur wenige Gebäude im alten Europa hielten zu der Bauzeit des Taj Mahal, der Blauen Moschee oder der Hagia Sophia einem Vergleich stand. Erst ca. 100-200 Jahre später wurden in Europa ähnliche Bauten, meist Schlösser und Kirchen gebaut. Ein Indiz dafür, dass auch hier Entdecker und Kolonialmächte sich inspirieren ließen. Indien verfügte über verschiedenste Bodenschätze wie Edelsteine, Marmor und Gold und so hatte deren Verarbeitung auch eine lange Tradition. Filigrane Gold- und Edelsteinbearbeitung floss vor allem in Schmuck, aber auch in Kleidung, Kerzenhalter, Bilderrahmen und andere Dekorationen mit ein. Landestypische florale Muster und intensive Farben mischten sich mit den Möbeln und Einrichtungsgegenständen der Kolonialisten.

Schlafzimmer eines späteren Kolonialstils.

So kann man den Kolonialstil je Land oder Besatzungsmacht variieren und im Laufe der Jahrzehnte entwickelten sich die Stile auch weiter. Gerade bei Möbeln ging der Trend im Laufe der Zeit mehr und mehr Richtung Klassizismus: zu einfacheren, geraden Formen. Tischbeine, Schränke und Möbelaufbauten wurden geometrischer. Das bedeutet: ein früher Kolonialstil war noch geprägt von den vorherigen Epochen und variierte meist durch neue Stoffe, exotische Motive und Materialien. Ein späterer Kolonial hingegen hatte schon eine deutlich andere Formensprache im Möbelbau. So weit zur Geschichte des Kolonialstils.

Empfehlung für die Umsetzung in der heutigen Zeit

Heute findet kaum noch eine Abgrenzung dieser Kolonialstile zueinander statt. Frei nach dem Motto, Kolonial ist alles Exotische in Mischung mit meinem eigenen Wohnstil- propagieren verschiedene Onlineplattformen den „Kolonialstil“ als genau das: eine bunte Mischung aus allem. Für Interior-Liebhaber, Inneneinrichter, Raumausstatter und auch für uns ein grober Faux-Pas.

Wir empfehlen beim Einrichten darauf zu achten, dass Sie bei einem Land oder Kontinent bleiben und es dadurch authentisch gestalten. Wenn Sie im „klassischen Kolonial“ – also der amerikanischen Variante (welche sich zum Contemporary Stil weiterentwickelt hat) einrichten möchten, dann achten Sie auf Folgendes (zusätzlich zu dem oben bereits Erwähnten):

Im Möbelbau sind Beispiele für Kolonialmöbel massive Tische, Schränke aus Metall mit Facettenglas, Kommoden mit teils verzierten Schubfächern, manchmal mit edler Marmor- oder Granitablage. Es empfiehlt sich hier ebenfalls stilistisch bei einem Holz-Material zu bleiben und nicht zu viel Dekorelemente bei den Möbeln zu haben, um nicht in den „Vintage Stil“ abzurutschen. Generell waren Kommoden und Schränke häufig aus eher dunklem Material, wie Eiche (oben bereits erwähnt). Nach und nach wurde mit weiteren Holzarten der typisch amerikanische klassische Kolonialstil daraus.

Bei Keramik, Porzellan und Glas spielt Opulenz eine wichtige Rolle. Das Geschirr der kolonisierten Länder war meist einfacher Natur- Holzschalen oder tönerne Gefäße, wie z. B. bei den Native Americans. Da dies nicht dem Stil der meist adeligen europäischen Kolonialherrschern entsprach, wurden Besteck & Vasen mit entsprechenden Motiven verziert. Kristall war üppig und aufwendig gestaltet.

Im Dekorsegment werden Akzente durch typische Gegenstände erreicht: ein Globus, aufwendige Buchstützen oder ein opulentes Bücherregal, standen für Bildung und Weltgewandtheit. Tier- und Pflanzenelemente kamen dezent in Szene gesetzt, z. B. durch Bilder, bewusst aus exotischeren Ländern. Es wurden gerne auf antike Motive zurückgegriffen- zum Beispiel auf Skulpturen berühmter Renaissance-Bildhauer oder Säulenverzierungen an Türen oder am Gebäude selbst. Hierfür, aber auch für Möbeloberflächen waren Marmoroptiken und Granit sehr begehrt. Gold, Messing gebürstet oder Altsilber und schwarz-silber werden als Grundmaterial, z. B. für Leuchten oder Bilderrahmen gern verwendet.

Wenn man heute im klassischen Kolonial-Stil einrichtet, kommen viele moderne und adaptierte Elemente zum Einsatz, die eben im 17./18. Jahrhundert noch nicht vorhanden waren. Bestes Beispiel sind elektrische Leuchten, die es damals noch nicht gab. Erst im Laufe der Jahre änderte sich dies und es kamen elektrifizierte Leuchter, die bisher mit Kerzen oder Öl bestückt wurden, hinzu. Typisches Modell für eine Kolonialstil-Leuchte wäre also ein Metall-Kronleuchter, gerne auch mit Kristallbehang.

Um einen modernen Kolonialstil in Szene zu setzen, empfiehlt sich entweder auf sehr moderne Leuchte zurückzugreifen bzw. auf Kerzenlüster aus der Zeit um 1800.
Passende Farben für einen klassischen Kolonialstil

Waren die Farben bei Bauten des Klassizismus noch eher gedeckt weiß und grau, so etablierten sich im Kolonialstil, Bauten mit Klinker und weißen Absetzungen, oder farbige Anstriche in lachs, bleu mint oder vanille und dies selbstverständlich auch in Innenräumen. Im Möbelbau gab es nach wie vor opulente Dekorationen, wenn auch die Möbel etwas massiver in ihrer Optik wurden. Schränke mit weniger Dekorelementen auch zweifarbige Möbel (mit Dekorinlays) sah man nun verstärkt. In günstigeren Möbelbau waren einfache Möbel mit hellen Pastellanstrichen zu finden. Stühle und Anrichten dagegen waren oft aufwendig gestaltet. Farblich wurde man im Kolonialstil und späteren Historismus deutlich mutiger. Im klassischen Kolonial-Interior überwogen zu Beginn eher dunkle Farben wie bordeaux, dunkelblau oder dunkelgrün. Ein moderner Kolonial Stil wäre von den möbel Farben her traditionell dunkler,was man durch helle heimtextilien, sowie ein insgesamt Helleres interior ausgleichen kann.

Je weiter wir uns dem Historismus und Jugendstil nähern, desto mehr Farbvielfalt wurde im Interieur verwendet. Da es im klassischen Kolonial im Heimtextil eher unifarben zuging, wurden Kissen mit Quasten und Bändern aufgepeppt. Tischdecken waren geklöppelt, aus Spitze und ähnlich durchscheinenden Materialien. Eher selten waren große florale Muster und geometrische Muster. Diese könnten in einem modernen Kolonialstil dann als Kontrast gesetzt werden.

Im modernen „Kolonial“ könnte man zudem Akzente durch moderne Möbelalternativen setzen oder mit Beige- und Naturweißen Stoffen, die das Ambiente aufhellen. Dazu passen schicke opulente Kerzenleuchter und entsprechende Bilderrahmen z. B. in Antiksilber. Wichtig wäre dann, nur wenige Elemente des Raumes (Wand-Boden, Möbel, Heimtextil, Dekorationen) abweichend vom Original zu gestalten, um authentisch zu bleiben.


Eine moderne Adaption eines Kolonialstilbettes, Bei Farben wurde man im klassischen Kolonialstil mutiger. Auch kräftige Blau-, Rot- oder Grüntöne wurden im Interieur verwendet.

So weit zum klassischen (nordamerikanischen) Kolonialstil, der sich auch heute noch zeitgemäß in Szene setzen lässt. Wir unterscheiden diesen von den Kolonialstilen, die sich in anderen Ländern entwickelten. Da sich der Trend hin zu mehr und mehr Varianten in diesem Stil entwickelt sind wir dazu übergegangen, dass mit „Kolonial“ immer der Ursprungsstil aus dem 17/18 Jahrhundert gemeint ist. Für die neueren Varianten der heutigen Zeit verwenden wir nicht mehr als „Kolonial“ sondern „Ethno“ mit einer bestimmten Ausrichtung. Siehe hierzu auch unser Beitrag „Modern Ethno„, „Indo-Ethno“ oder auch Stile wie „Boho“ (mit Einflüssen aus dem Arabischen), „African Ethno“ oder „Native Indian Ethno“ oder dem „Südamerikanischen Ethno“ gehören hier sicher voneinander abgegrenzt.

Hierzu haben wir entsprechende Artikel verfasst, die einen groben Überblick geben, auf was man bei der jeweiligen Ausrichtung achten sollte und wo Akzente gesetzt werden können.


Menü
Mit einem Freund teilen